Geschichten
Aus unseren Gebetsheften

Geschichten voller Leben

 

Kurzgeschichten sind eine unerschöpfliche Quelle: Nicht nur für Meditationen und Gottesdienste, sondern auch für deine persönliche Bereicherung.

Was ansteckt und begeistert, ist das Leben. Der gelebte Glaube. Erfahrungen, die gemacht worden sind.

Deshalb ist auch die Bibel kein theologisches Sachbuch, sondern eine Sammlung persönlicher Erfahrungen. Genauso die sind Geschichten, die du hier findest, Bonbons aus dem Leben oder der christlichen Erzähltradition.

Aber, was rede ich… lies selbst!

Der Axtdieb

Ein Mann fand eines Tages seine Axt nicht mehr. Er suchte und suchte,
aber sie war verschwunden. Der Mann wurde ärgerlich und verdächtigte
den Sohn seines Nachbarn und tatsächlich: Der Junge hatte den Gang
eines Axtdiebes.
Die Worte, die er sprach, waren die Worte eines Axtdiebes. Sein ganzes
Wesen und sein Verhalten waren das eines Axtdiebes. Am Abend fand der Mann die Axt durch Zufall hinter einem großen Korb in seinem eigenem Schuppen. Als er am nächsten Morgen den Sohn seines Nachbarns erneut betrachtete, fand er weder in dessen Gang, noch in seinem Wesen oder seinem Verhalten irgendwas von einem Axtdieb.

Ein Bild vom Frieden

Es war einmal ein König, der schrieb einen Preis im ganzen Land aus: Er lud alle Künstler ein, den Frieden zu malen und das beste Bild sollte eine hohe Belohnung bekommen.

Die Künstler im Land machten sich eifrig an die Arbeit und brachten dem König ihre Bilder. Aber von allen Bildern, die gemalt wurden, gefielen dem König nur zwei. Zwischen denen musste er sich nun entscheiden.

Das erste war ein perfektes Abbild eines ruhigen Sees. In dem See spiegelten sich die malerischen Berge, die den See umrandeten, und man konnte jede kleine Wolke im Wasser wiederfinden. Jeder, der das Bild sah, dachte sofort an den Frieden.

Das zweite Bild war ganz anders. Auch hier waren Berge zu sehen, aber diese waren zerklüftet, rau und kahl. Über den Bergen jagten sich am grauen Himmel wütende Wolkenberge und man konnte den Regen fallen sehen, den Blitz aufzucken und fast auch den Donner krachen hören. An dem einen Berg stürzte ein tosender Wasserfall in die Tiefe. Keiner, der das Bild sah, kam auf die Idee, dass es hier um den Frieden ging.

Aber der König sah hinter dem Wasserfall einen winzigen Busch, der auf der zerklüfteten Felswand wuchs. In diesem kleinen Busch hatte ein  Vogel sein Nest gebaut. Dort in dem wütenden Unwetter an diesem unwirtlichen Ort saß der Muttervogel auf seinem Nest – in perfektem Frieden.

Welches Bild gewann den Preis?

Der König wählte das zweite Bild und begründete das so: »Lasst Euch nicht von schönen Bildern in die Irre führen: Frieden braucht es nicht dort, wo es keine Probleme und keine Kämpfe gibt. Wirklicher Frieden bringt Hoffnung und heißt vor allem, auch unter schwierigsten Umständen und größten Herausforderungen, ruhig und friedlich im eigenen Herzen zu bleiben.«

Beppo, der Straßenkehrer

aus: „Momo“ von Michael Ende

Er fuhr jeden Morgen lange vor Tagesanbruch mit seinem alten, quietschenden Fahrrad in die Stadt zu einem großen Gebäude. Dort wartete er in einem Hof zusammen mit seinen Kollegen, bis man ihm einen Besen und einen Karren gab und ihm eine bestimmte Straße zuwies, die er kehren sollte.

Wenn er so die Straßen kehrte, tat er es langsam, aber stetig: Bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich.  Dazwischen blieb er manchmal ein Weilchen stehen und blickte nachdenklich vor sich hin. Und dann ging es wieder weiter – Schritt – Atemzug – Besenstrich.

Während er sich so dahinbewegte, vor sich die schmutzige Straße und hinter sich die saubere, kamen ihm oft große Gedanken. Aber es waren Gedanken ohne Worte, Gedanken, die sich so schwer mitteilen ließen  wie ein bestimmter Duft, an den man sich nur gerade eben noch erinnert, oder wie eine Farbe, von der man geträumt hat. Nach der Arbeit, wenn er bei Momo saß, erklärte er ihr seine großen Gedanken. Und da sie auf ihre besondere Art zuhörte, löste sich seine Zunge, und er fand die richtigen Worte.

„Siehst du, Momo“, sagte er dann zum Beispiel, „es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man.“
Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort: „Und  dann fängt man an, sich zu eilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedesmal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluss ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen.“
Er dachte einige Zeit nach. Dann sprach er weiter: „Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten.“
Wieder hielt er inne und überlegte, ehe er hinzufügte: „Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es
sein.“

Und abermals nach einer langen Pause fuhr er fort: „Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste.“ Er nickte vor sich hin und sagte abschließend: „Das ist wichtig.“

Der Wettlauf der Frösche

Eines Tages entschieden die Frösche, einen Wettlauf zu veranstalten.  Um es besonders schwierig zu machen, legten sie als Ziel fest, auf den höchsten Punkt eines großen Turms zu gelangen. Am Tag des Wettlaufs  versammelten sich viele andere Frösche, um zuzusehen. Dann endlich –  der Wettlauf begann.

Nun war es so, dass keiner der zuschauenden Frösche wirklich glaubte,  dass auch nur ein einziger der teilnehmenden Frösche tatsächlich das   Ziel erreichen könne. Statt die Läufer anzufeuern, riefen sie also «Oje,  die Armen! Sie werden es nie schaffen!» oder «Das ist einfach  unmöglich!» oder «Das schafft Ihr nie!»

Und wirklich schien es, als sollte das Publikum recht behalten, denn  nach und nach gaben immer mehr Frösche auf. Das Publikum schrie  weiter: «Oje, die Armen! Sie werden es nie schaffen!» Bald gaben alle  Frösche auf – alle, bis auf einen einzigen, der unverdrossen an dem  steilen Turm hinaufkletterte – und als einziger das Ziel erreichte.

Die Zuschauerfrösche waren vollkommen verdattert und alle wollten  von ihm wissen, wie das möglich war. Einer der anderen  Teilnehmerfrösche näherte sich ihm, um zu fragen, wie er es geschafft  hätte, den Wettlauf zu gewinnen.

Und da merkten sie erst, dass dieser Frosch taub war.

Der bellende Kirchenlehrer

Der Schwerkranke ergriff die Hand des Arztes. «Mir ist so bange vor dem Sterben. Sagen Sie mir doch, Herr Doktor, was wartet auf mich nach dem Tode? Wie wird es auf der anderen Seite aussehen?»
«Ich weiß es nicht», antwortete der Arzt.
«Sie wissen es nicht?» flüsterte der Sterbende.

Statt eine weitere Antwort zu geben, öffnete der Arzt die Tür zum Gang. Da lief ein Hund herein, sprang an ihm hoch und zeigte auf jede Weise, dass er sich freute, seinen Herrn wiederzusehen.
Jetzt wandte sich der Arzt dem Kranken zu und sagte:

«Haben Sie das Verhalten des Hundes beobachtet? Er war vorher noch nie in diesem Raum und kennt nicht die Menschen, die hier wohnen. Aber er wusste, dass sein Herr auf der anderen Seite der Tür ist, darum sprang er fröhlich herein, sobald die Tür aufging. – Sehen Sie, ich weiß auch nichts Näheres, was nach dem Tod auf uns wartet; aber es genügt mir, zu wissen, das mein Herr und Meister auf der anderen Seite ist. Darum werde ich, wenn eines Tages die Tür sich öffnet, mit großer Freude hinübergehen.»

Der erhobene Zeigefinger

Es war einmal ein großer, erhobener Zeigefinger, der sehr unzufrieden war mit seiner eigenen Situation: Überall bekamen die Menschen, denen er vorgehalten wurde, ernst Mienen, schauten ihn ehrfürchtig an und begannen zu grübeln. Nur ganz selten begegnete ihm ein freudiges Gesicht, und der Zeigefinger dachte dann jedes mal, alles sei es gar nicht so schlimm. Doch es dauerte immer nur einen Augenblick, dann schauten ihn aus den fröhlichsten Augen betroffene Blicke an.

Dem erhobenen Zeigefinger gefiel das ganz und gar nicht, und so begann er, den Menschen vorzuhalten, dass sie doch fröhlicher sein sollten, nicht immer so ernst und so verkrampft, nicht ganz so ehrfürchtig, dafür etwas erlöster. Und weil die Menschen, die ihm zuhörten, feststellten, wie wenig fröhlich sie waren, bekamen sie ein schlechtes Gewissen. Und wenn der Zeigefinger ihnen erzählte, dass sie doch an die anderen Menschen denken sollten und sie mit Fröhlichkeit und Freude anstecken sollten, schauten sie betroffen zu Boden.
je mehr der erhobene Zeigefinger ihnen vorhielt, dass sie doch eigentlich ganz anders sein müssten, eben freudiger, desto mehr verloren sie die Reste an Freude, die noch in ihnen geblieben war.

Nach einiger Zeit gab der Zeigefinger auf. «Die Menschen sind nicht mehr zu ändern», murmelte er leise und hörte auf, ihnen ins Gewissen zu reden. «Vielleicht gibt es die Freude ja gar nicht mehr», dachte er betrübt.

Der nicht mehr so ganz erhobene Zeigefinger begann, seine Aufgabe zu vergessen und er bemerkte, dass er noch andere Fähigkeiten hatte, als sich zu erheben und Moralpredigten zu halten. Und um es einfach einmal auszuprobieren, tat er sich mit einigen anderen Fingern zusammen – insgesamt waren es zehn, glaube ich – und begann zu musizieren. Ganz ohne Absicht, nur aus Spaß an der Musik, ging er nun ganz in seiner neuen Aufgabe auf. Und als er gerade mal einen Augenblick Zeit hatte (sein Nachbar, der Mittelfinger, spielte soeben sein Solo), da bemerkte er viele aufmerksame Gesichter, die ihm zusahen und zuhörten.

Und – was er nicht erwartet hatte – auf den Gesichtern spielte das, was er immer gepredigt hatte: Die Freude.

«Also, so was!» pfiff der Zeigefinger und spielte vergnügt weiter.

Der Hochseilkünstler

Hoch über dem Marktplatz einer kleinen Stadt hatte ein Seiltänzer sein Seil gespannt und führt dort oben unter den staunenden Blicken vieler Zuschauer seine gefährlichen Kunststücke auf.

Gegen Ende der Vorstellung holte er eine Schubkarre hervor und fragte einen der Anwesenden:
»Sagen Sie, trauen Sie mir zu, dass ich die Karre über das Seil schiebe?«
»Aber gewiss«, antwortete der Gefragte fröhlich, und auch mehrere andere der Umstehenden stimmten der Frage sofort zu.
»Würden Sie sich dann meiner Geschicklichkeit anvertrauen, sich in die Karre setzen und von mir über das Seil fahren lassen?«, fragte der Schausteller weiter.
Da wurden die Mienen der Zuschauer ängstlich. Nein, dazu hatten sie keinen Mut! Nein, das trauten sie sich und ihm nicht zu.

Plötzlich meldete sich ein Junge:
»Ich setze mich in die Karre«, rief er, kletterte hinauf, und unter dem gespannten Schweigen der Menge schob der Mann das Kind über das Seil.
Als er am anderen Ende ankam, klatschten alle begeistert Beifall.
Einer aber fragte den Jungen: »Sag, hattest du keine Angst da oben?«
»O nein«, lachte der, »es ist ja mein Vater, der mich über das Seil schob!«

«Vater, ich seh dich nicht!»

Eines Nachts bricht in einem Haus ein Brand aus.

Während die Flammen hervorschießen, stürzen Eltern und Kinder aus dem Haus. Entsetzt sehen sie zu, wie das Feuer ihr Heim vernichtet.
Plötzlich bemerken sie, dass der Jüngste fehlt, ein fünfjähriger Junge, der sich im Augenblick der Flucht vor Rauch und Flammen fürchtete und in den oberen Stock kletterte. Man schaut einander an. Es gibt keine Möglichkeit, zurück in das brennende Haus zu gelangen.

Da öffnet sich oben ein Fenster.
Der Junge ruft um Hilfe.
Sein Vater sieht es und schreit ihm zu »Spring!«
Der Junge sieht nur Rauch und Flammen.
Er hört aber die Stimme des Vaters und antwortet: »Vater, ich sehe dich nicht!«
Der Vater ruft ihm zu: »Aber ich sehe dich, und das genügt. Spring!«

Das Kind springt und findet sich heil und gesund in den Armen seines Vaters, der es aufgefangen hat.

Freundlichkeit

Vor kurzem hat sich in einer kleinen Stadt in Nordfrankreich ein  außergewöhnliches Ereignis zugetragen. In dieser Stadt lebte eine  unauffällige alte Dame. Sie starb jetzt im Alter von 86 Jahren. Sie war als Einzelkind aufgewachsen, war später unverheiratet geblieben und hatte keine Nachkommen. Die alte Dame lebte einfach und bescheiden.

In ihren letzten Lebensjahren war sie immer wieder auf kleinere  Hilfsdienste angewiesen. Aber auch kleine nette Gesten und kurze   Gespräche wusste sie sehr zu schätzen. So brachte eine Apothekerin ihr  gelegentlich Medikamente vorbei, und die Beamten bei der Post nahmen sich fast immer ein paar Minuten Zeit und hörten der Frau zu. Auch die  Kassiererinnen im Supermarkt fanden immer ein nettes Wort für die  alte Dame. Die Blumenverkäuferin steckte die Blumensträuße mit viel  Liebe und Geduld zusammen und nahm gerne Rücksicht auf  Sonderwünsche. Auch die Busfahrer erwiesen sich als sehr gefällig: Weil  die alte Dame schlecht zu Fuß war, stoppten sie auch außerhalb der  Haltestellen, so dass die Frau keine langen Wege machten musste. Und  jetzt kam eines Tages die große Überraschung für all diese freundlichen  Menschen.

Niemand wusste, dass die alte Frau relativ reich gewesen war. In ihrem Testament hatte sie alle diese Menschen bedacht, die ihr gegenüber so nett und gefällig gewesen waren. Ihre kleinen Gesten hatten nun eine große Wirkung: Die alte Dame beschenkte 300 freundliche Mitmenschen mit jeweils 1.970 Euro. Das Erstaunen über diese völlig unerwartete Erbschaft war groß!

Zwei Wölfe

Indianische Geschichte

Ein alter Indianer saß mit seinem Enkelsohn am Lagerfeuer. Es war schon dunkel geworden und das Feuer knackte, während die Flammen in den Himmel züngelten.

Der Alte sagte nach einer Weile des Schweigens: «Weißt du, wie ich mich manchmal fühle? Es ist, als ob da zwei Wölfe in meinem Herzen
miteinander kämpfen würden. Einer der beiden ist rachsüchtig,  aggressiv und grausam. Der andere hingegen ist liebevoll, sanft und mitfühlend.»

«Welcher der beiden wird den Kampf um dein Herz gewinnen?» fragte der Junge.

«Der Wolf, den ich füttere.» antwortete der Alte.

Spuren im Sand

Eines Nachts hatte ich einen Traum:
Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.

Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten,
Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben.

Und jedes Mal sah ich zwei Fußspuren im Sand,
meine eigene und die meines Herrn.

Als das letzte Bild an meinen Augen vorüber gezogen war,
blickte ich zurück.

Ich erschrak, als ich entdeckte, dass an vielen Stellen
meines Lebensweges nur eine Spur zu sehen war.
Und das waren gerade die schwersten Zeiten meines Lebens.

Besorgt fragte ich den Herrn: «Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen,
da hast du mir versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein.
Aber jetzt entdecke ich, dass in den schwersten Zeiten meines Lebens
nur eine Spur im Sand zu sehen ist.
Warum hast du mich allein gelassen, als ich dich am meisten brauchte?»

Da antwortete er: «Mein liebes Kind, ich liebe dich
und werde dich nie allein lassen,
erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten.
Dort wo du nur eine Spur gesehen hast,
da habe ich dich getragen.»

 

Margaret Fishback Powers

Die Frösche im Milchtopf

Auf dem Bauernhof stand ein Eimer. Zwei Frösche kamen vorbei und waren neugierig, was da wohl im Eimer sei. Also sprangen sie mit einem großen Satz in den Eimer.

Es stellte sich heraus, dass das keine so gute Idee gewesen war, denn der Eimer war halb gefüllt mit Milch. Da schwammen die Frösche nun in der Milch, konnten aber nicht mehr aus dem Eimer springen, da die Wände  zu hoch und zu glatt waren.

Der Tod war ihnen sicher.

Der eine der beiden Frösche war verzweifelt. «Wir müssen sterben», jammerte er «hier kommen wir nie wieder heraus.» Und er hörte mit  dem Schwimmen auf, da alles ja doch keinen Sinn mehr hatte. Der Frosch ertrank in der Milch.

Der andere Frosch aber sagte sich: «Ich gebe zu, die Sache sieht nicht gut aus. Aber aufgeben tue ich deshalb noch lange nicht. Ich bin ein guter Schwimmer! Ich schwimme, so lange ich kann.»

Und so stieß der Frosch kräftig mit seinen Hinterbeinen und schwamm im Eimer herum. Immer weiter. Er schwamm und schwamm und  schwamm. Und wenn er müde wurde, munterte er sich selbst immer wieder auf. Tapfer schwamm er immer weiter.

Und irgendwann spürte er an seinen Füßen eine feste Masse. Ja tatsächlich – da war keine Milch mehr unter ihm, sondern eine feste Masse. Durch das Treten hatte der die Milch zu Butter geschlagen! Nun konnte er aus dem Eimer in die Freiheit springen.

Urspr. nach Aesop, nacherzählt

Die Welt in Ordnung bringen

Ein kleiner Junge kam zu seinem Vater und wollte mit ihm spielen. Der Vater aber hatte keine Zeit und auch keine Lust jetzt mit seinem Sohn zu spielen. Also überlegte er schnell, womit er den Kleinen beschäftigen könnte.

In einer Zeitschrift fand er eine komplizierte und detailreiche Abbildung der Erde. Er schnitt es aus und zerschnipselte die Erde in ganz viele  kleine Teile. Er gab es dem Jungen und dachte, dass der nun mit diesem schwierigen Puzzle wohl eine ganze Zeit beschäftigt sei und ihn in Ruhe ließe.

Der Junge zog sich in eine Ecke zurück und begann zu puzzeln. Schon nach wenigen Minuten kam er stolz zum Vater und zeigte ihm das fertige Bild.

Der Vater konnte es kaum glauben und fragte seinen Sohn, wie er das so schnell geschafft habe.

Das Kind sagte: «Ach, auf der Rückseite war ein Mensch abgebildet. Den habe ich richtig zusammengesetzt. Und als der Mensch in Ordnung war, war es auch die Welt.»

Die Aufgabe der Kirche

Ein Bischof wurde gefragt, was die Aufgabe der Kirche sei. Er antwortete:

«Am Rande eines Dorfes lebte eine einsame, arme, alte Frau. Außer ihrer bescheidenen Hütte besaß sie nur noch eine meckernde Ziege und einen kläffenden Hund.
Eines Tages beschloss sie, wieder einmal ihre Freundin im Nachbarort zu besuchen. In einem Blechgeschirr hatte sie sich ein paar Fleischstückchen angebraten, die sie nach ihrer Heimkehr verzehren wollte. Bevor sie sich auf den Weg machte, rief sie die Ziege und den Hund und ermahnte sie, ihrem Abendessen nicht zu nahe zu kommen. Doch kaum war die alte Frau am Horizont verschwunden, begann der Hund die Feuerstelle zu umkreisen, an dem warmen Topf zu schnuppern, und alle guten Vorsätze waren vergessen. Schließlich erlag er der Versuchung, kippte mit der Schnauze die Blechschüssel von den heißen Steinen und labte sich an den köstlichen Fleischstücken.

Als die Frau müde und hungrig von ihrem Besuch zurückkam und den leeren Topf im Sand sah, wurde sie sehr ärgerlich und rief nach dem Hund und der Ziege. Die kamen, die Ziege kaute noch an einem dürren Zweig, der Hund kroch eher vorsichtig hinterher. “Wer von euch beiden hat mein Abendessen verschlungen? “, fragte sie erbost. Die Ziege meckerte verständnislos und wippte mit dem Hals. Doch da kläffte der Hund und sagte: “Schau nur, die Ziege war’s, die kaut ja jetzt noch!”
Die alte Frau aber ahnte den Missetäter und drohte, sie werde die Wahrheit schnell herausbekommen. Als sie einen Stock hob, bekam der Hund es mit der Angst, jaulte laut auf und stob schuldbewusst davon. Er rannte und rannte, bis ihn der Horizont verschluckte.»

Hier machte der Bischof eine kleine Pause in seiner Geschichte, um dann mit einem verschmitzten Lächeln fortzufahren:

«Aufgabe der Kirche ist es nun, ihn nach Hause zurückzuholen: Den Hund.»

Die 25. Stunde

Eines Tages meldeten die Engel besorgt dem Schöpfer, dass die Menschen fast gänzlich aufgehört hätten zu beten. Daraufhin beschloss der himmlische Rat, die Ursachen durch eine Schar von Engeln untersuchen zu lassen.

Diese berichteten folgendes: Die Menschen wissen um das Fehlen ihrer Gebete und beklagen es. Aber leider hätten sie trotz ihres guten Willens einfach keine Zeit zum Beten. Im Himmel war man verblüfft und erleichtert: Statt des befürchteten Abfalls handelte es sich also nur um ein Zeitproblem!

Die himmlischen Räte überlegten hin und her, was zu tun sei. Einige meinten, man solle durch entsprechende Maßnahmen das moderne, hektische Leben abschaffen. Eine Gruppe schlug sogar eine Bestrafung des Menschengeschlechtes vor: «Das wird schon seine Wirkung tun», sagten sie und verwiesen auf die Sintflut.
Das Ei des Kolumbus aber fand ein junger Engel: Gott solle den Tag verlängern! Zur Überraschung aller war dieser einverstanden. Er schuf eine 25. Tages-Stunde.
Im Himmel herrschte Freude: «So ist Gott eben», sagte man, »Er hat Verständnis für seine Geschöpfe.»

Als man auf der Erde zu merken begann, dass der Tag eine Stunde länger dauerte, waren die Menschen verblüfft und, als sie den Grund erfuhren, von Dankbarkeit erfüllt. Erste Reaktionen waren vielversprechend: Es werde zwar einige Zeit dauern, so hörte man aus informierten Kreisen, bis die Anpassung vollzogen sei, aber dann werde sich alles einspielen. Nach einer Zeit vorsichtiger Zurückhaltung ließen die Bischöfe verlauten, die 25. Stunde werde als «Stunde Gottes» in das Leben der Menschen eingehen.
Im Himmel wich die anfängliche Freude bald der Ernüchterung. Wider alle Erwartung kamen im Himmel nicht mehr Gebete an als bisher, und so sandte man wiederum Boten zur Erde. Diese berichteten:

Die Geschäftsleute ließen sagen, die 25. Stunde – für die man sich durchaus zu Dank verpflichtet sehe – habe durch die Umstellung der Organisation Kosten verursacht. Durch erhöhten Einsatz müssten diese Kosten eingearbeitet werden. Man bitte um Verständnis für diese Sachzwänge.
Ein anderer Engel war bei der Gewerkschaft. Erstaunt, aber doch höflich wurde er angehört. Dann erklärte man ihm, die neue Stunde entspreche eigentlich einer längst überfälligen Forderung der Gewerkschaft. Im Interesse der Arbeitnehmer müsse sie für die Erholung freigehalten werden.
In Kreisen der Intellektuellen wurde über die neue Stunde viel diskutiert. In einer vielbeachteten Gesprächsrunde im Fernsehen wurde vor allem darauf hingewiesen, dass dem mündigen Bürger niemand vorschreiben könne, was er mit dieser Stunde zu tun habe. Die Idee der Bischöfe, sie als «Stunde Gottes» im Bewusstsein der Menschen zu verankern, müsse als autoritäre Bevormundung zurückgewiesen werden. Im Übrigen sei die Untersuchung darüber, wie die neue Zeiteinheit entstanden sei, nicht abgeschlossen. Naiv-religiöse Deutungen aber könnten dem Menschen auf keinen Fall zugemutet werden.

Dem Engel aber, der zu den kirchlichen Kreisen gesandt worden war, wurde bedeutet, dass man ohnehin bete. Der Eingriff des Himmels, so sagte man, dürfe auf jeden Fall nur als ein Angebot verstanden werden, als ein Baustein der persönlichen Gewissensentscheidung.
Einige gingen noch weiter und sagten, aus der Sicht der kirchlichen Basis sei die ganze Angelegenheit kritisch zu bewerten: Die Zweckbindung der 25. Stunde zugunsten des Gebets sei eng und könne auf gar keinen Fall «von oben» verfügt werden, d.h. ohne entsprechende Meinungsbildung «von unten». Manche Pfarrer betonten, wie dankbar sie für die zusätzliche Zeit seien, deren sie dringend für ihre pastorale Arbeit bedürften. Und so hatten eigentlich fast alle einen Grund, warum die dazugewonnene Tagesstunde nicht dem Gebet gewidmet sein könne.
Einige Engel aber berichteten von Menschen, die die geschenkte Zeit wie jede andere Stunde ihres Lebens aus den Händen Gottes annahmen: Für ihre Aufgaben, für den Dienst an den Mitmenschen, für die Teilnahme an der heiligen Messe und – für das Gebet, für das sie jetzt noch leichter Zeit fanden als bisher.
Darüber waren die Engel freilich auch verwundert: Diejenigen, die die 25. Stunde tatsächlich in den Dienst Gottes stellten, waren dieselben, die schon bisher genügend Zeit zum Beten gehabt hatten.

So erkannte der himmlische Rat: Das Gebet ist eine Frage der Liebe. Zeit allein bringt kein Beten hervor. Diejenigen, die nicht beten wollen, werden auch mit einem längeren Tag «keine Zeit» zum Beten finden. Zeit haben, genau besehen, immer nur die Liebenden.

Daraufhin wurde beschlossen, Gott zu bitten, die 25. Stunde wieder abzuschaffen und auch die Erinnerung daran aus den Köpfen der Menschen zu löschen. Und so geschah es.

Die Maus und der Traum vom Frieden

Die Maus begann zu erzählen: „Jetzt, wo wir alle Brüder und Schwestern sind, soll es keinen Krieg mehr geben, keine Gewalt und keine Habgier. Niemand soll mehr Hunger leiden, niemand darf mehr an der Dürre sterben. Alle sollen genug zum Leben haben, und was einer besitzt, soll er mit allen anderen teilen. Jetzt sind wir soweit,” erklärte die Maus, „dass wir alle Lebewesen auf dieser Erde gleich behandeln können. Stell Dir vor, alle werden zufrieden sein und niemand tut mehr etwas Böses!” Die Maus war ganz begeistert. „Überall wird Friede herrschen!”

Die Katze, die der Maus aufmerksam zugehört hatte, war sichtlich gerührt. Sie überlegte einen Augenblick, schaute der Maus tief in die Augen und nickte ein-, oder zweimal. Dann verschlang sie die Maus mit Haut und Haaren. „Wo sie recht hat, hat sie recht.” sagte die Katze zustimmend.