Oasetag in Voltlage (2022)

Oasentag in Voltlage – «Mit Leib und Seele Danke sagen – Erntedank»

Ideen, Anregungen und Bilder: E. Müller, B. Schulte-Kohne, P. van Briel

In diesem Jahr (2022) waren wir mit dem Oasetag vor allem in Voltlage zugast. Zwar begannen wir mit dem Frühstück in Halverde, danach ging es aber zum Rest des Programms über die Landesgrenze nach Niedersachsen.

In Pfarrheim von Voltlage hörten wir den im Folgenden abgedruckten Vortrag von Schulpfarrer von Briel zur Einheit von Leib und Seele, in der wunderschönen Pfarrkirche feierten wir dann einen schlichten Erntedankgottesdienst. Nach dem Mittagessen waren wir dann auf Hof Egbers eingeladen, unsere Verbundenheit mit Natur, Landwirtschaft und den Erntegaben in vielen Facetten zu erleben.

Allen Helfern ein herzliches Dankeschön: Den Frauen, die in Halverde das Frühstück bereitet haben (die Schwester von Lui und die Frau von Leo – Danke!), der Pfarrgemeinde für die Bereitstellung von Pfarrheim und Kirche (Frau Trame aus dem Pfarrbüro, dem Küster und Pfarrer Bischof), den vorbereitenden Kolleginnen Frau Müller und Frau Schulte-Kohne und vor allem der Familie Egbers und dem Team vom Hof!

Danke!

Vorbemerkung zu den Oasetagen

Warum gibt es die Oasetage – und warum in dieser Form?

Am Anfang stand die Aussage vom damaligen Generalvikar Norbert Köster bei der Informationsveranstaltung im Franz-Hitze-Haus, dass das Bistum Münster mit seinem vielfältigen sozialem und kulturellen Engagement in Schulen, Bildungseinrichtungen, Krankenhäuser, Altenheimen, Kindergarten und dem großen Bereich der Caritas in Zukunft deutliche Abstriche machen muss. Diese sollen aber nicht im Rückzug aus einer Sparte, sondern in einer gleichmäßigen Reduktion durch alle Bereiche hinweg geschehen. Einziges Kriterium für den dauerhaften Erhalt einer Institution in der Trägerschaft des Bistum sei dessen katholisches Profil.

Durch die QA (=Qualitätsanalyse) wurde dieses Profil an unserer Schule geprüft und in mehrfacher Hinsicht als ausbaufähig bezeichnet. Angemahnt wurde einmal die Vernetzung aller Lehrpläne mit dem katholischen Religionsunterricht, zum anderen die Fortbildung und Entwicklung des katholischen Profils im Kollegium.

In Anlehnung an die Forderung, das katholische Profil zum Gegenstand von Fortbildungen (auch externe) zu machen, entstanden die Oase-Tage, da mit der Förderung des katholischen Profils auch ein zusätzlicher Fortbildungstag gewährt wurde.

In einer exemplarischen Fortbildung ausgewählter Schulen in Bentlage (daran nahm sowohl die Fürstenberg-Realschule als auch das Fürstenberg-Gymnasium teil), bat uns die Schulabteilung, Entwürfe für die Ausprägung des katholischen Profils zu entwickeln. Vorgabe war, dass der Schulträger Sorge für die theologische und spirituelle Stützung des Kollegiums trägt – in Einbeziehung der Schulseelsorge.

So ist der Gedanke eines «Oasetages» nicht ausreichend, wenn er sich nur auf die spirituelle Nahrung beschränkt, es geht auch um die Selbstauskunft des Trägers, was er unter seiner eigenen Identität versteht.

Deshalb besteht der Oasetag der Realschule aus zwei Teilen: Einmal wird in Vorträgen das Katholische aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet; zum anderen wird ein Angebot gemacht, Aspekte der katholischen Identität im spirituellen, kreativen Tun umzusetzen und zu entdecken.

Wohlgemerkt: Es geht nicht darum, dass Eltern, Schüler und Lehrer in ihrer persönlichen Überzeugung und Gebetsleben ein ausreichendes katholisches Profil erkennen lassen. Es geht darum, ob die Einrichtung dem Anliegen des Trägers nachkommt, für eine ausreichende Unterstützung der persönlichen Überzeugung und Spiritualität zu sorgen.

Entsprechende Angebote haben also nicht das Ziel, das katholische Profil der Schule zu schärfen (durch eine entsprechende Formierung der dort agierenden Personen), sondern sind das katholische Profil der Schule.

Praktischer Teil: Erfahrungen auf dem Hof Egbers

Sieben Stationen

Gott liebt es, mit uns auf allen Kanölen zu kommunizieren – und freut sich, wenn wir es ebenfalls tun. Deshalb haben wir auf dem Hof Egbers ideale Bedingungen (nicht zuletzt durch die offene Art der Familie, die uns quasi ihren Hof für einen Nachmittag überlassen haben) gefunden, uns mit der Natur, unseren Möglichkeiten und auch der Technik in Verbindung zu setzen. Und somit auch eine Verbindung zu dem nachzuspüren, der uns und die ganze Welt erschaffen hat.

Lass es dir „kuh“tgehen (Malen)

Von unserer Kunstlehrerin Maria Visse wurde eine Vorlage bereitgestellt, die das Potrait einer Kuh zeigt – die nicht nur nach Art eines Malbuches mit Farbe ausgemalt werden konnte, sondern kreativ verfremdet, übermalt, erweitert und ins Phantastische übertragen werden konnte. Die 26 Kühe, die am Schluss ein buntes Gesamtbild ergaben, sind ein Gesamtkunstwerk aus jeweils einzelnen Meisterwerken.

Wie unsere ganze Welt.

Die vorbereiteten Kuhgesichter können nach Belieben gestaltet werden. Nach der Bearbeitung anfeuchten und liegend trocknen.

(pro Teilnehmer 2 Bilder möglich)

 


Melken

Das Melken übernimmt heute der Melkroboter. Früher war das Handarbeit. – Beides steht hier nebeneinander, der Melkroboter ist zu besichtigen, der künstliche Euter lädt zur Handarbeit ein. – Na dann mal ran! Viel Spaß!

 


Strike! (Reifen-Kegeln)

Im Leben gilt es, ein Ziel in den Blick zu nehmen, die Balance zu finden und dann mutig loszulassen. – Und sich anschließend nicht zu ärgern. Es gibt immer mehrere Versuche! Legt Wettbewerbsregeln fest und los geht’s!

 


Sind sie nicht süüüüüüüüüß? (Kälber streicheln)

Dass auch Tiere sind lebendige und geliebte Geschöpfe Gottes sind, braucht man keinem Hundebesitzer zu erzählen. Aber gilt das auch für Kühe? Finde es heraus!

Jetzt musst du dich nicht mehr zurückhalten. Du darfst die Kälber ausgiebig streicheln und verwöhnen.

Evtl. lässt sich auch der Hund der Familie Egbert von dir streicheln.

 


Feldarbeit (Trecker fahren)

Die Arbeit in der Landwirtschaft ändert sich stetig; was früher eine Plackerei war, geht heute oft leicht vo der Hand. Aber Arbeit bleibt immer noch Arbeit!

Wie viel m² kannst du mit der Schüppe in einer Minute bearbeiten?

Und mit dem Trecker?

 


Butterbrot (Butter schütteln)

Wiviel Arbeit auch in so kleinen Dingen wie ein Messer voll Streichbutter steckt, entgeht uns inzwischen völlig. Ein wenig davon spüren wir, wenn wir versuchen, aus einfacher Milch Butter herzustellen.

Manchmal schmeckt ein einfaches Butterbrot besser als alles andere.

An dieser Station soll Butter selber hergestellt werden. Das geht so:

  1. Das Glas etwa halbvoll mit Milch füllen.
  2. Den Deckel (sehr!!!) fest zudrehen.
  3. Das Glas (abwechselnd) ca. 20 Minuten kräftig schütteln.
  4. Das Butter-Molke-Gemisch durch den Stoff abgießen (evtl. leicht ausdrücken).
  5. Die Butter salzen und verzehren!

 


Über den Dingen stehen (Auf Stelzen laufen)

Wenn sich die Dinge gegen uns zu verschwören scheinen und wir keinen Ausweg mehr nach rechts und links sehen – dann hilft es vielleicht, „in die Luft zu gehen“. Zumindest wenn dadurch ein Perspektivwechsel geschieht.

Bewältigt den Parcours auf Stelzen. Wählt selbst eine geeignete Strecke und Hindernisse aus.

Vortrag zum Thema «Mit Leib und Seele»

Dualität? Finde ich gut!

Der Begriff „Dualität“ bezeichnet ein Gedankengebäude, dass von der Existenz zweier Prinzipien ausgeht. Einen theologischen Dualismus lehnen die Juden, Christen und Moslems radikal ab (also die Behauptung, es gebe zwei Götter oder göttliche Prinzipien, die im ewigen Kampf miteinander liegen). Nicht nur aus diesem Grund hat der Begriff „Dualismus“ einen schlechten Beigeschmack.
Deshalb verwende ich lieber das eher ungebräuchliche Wort „Dualität“; in der Beschreibung des Menschen leistet die Dualität (also die Annahme, der Mensch bestehe aus Leib und Seele) nämlich gute Dienste; allerdings nur, wenn Leib und Seele als zwei einander nicht widerstreitende Prinzipien angesehen werden. Auf keinen Fall darf der Seele als gutem Prinzip der Leib als „Gefängnis“, „Grab“ oder „Sarg“ entgegengesetzt werden.
Dualität, das sei hier betont, ist nicht gleichbedeutend mit der Herabsetzung des Leibes. Diese scheint zum Beispiel Platon gelehrt zu haben – und gelegentlich fand sie (oder eine ähnliche Lehre) auch Eingang in das Christentum -, aber trotz manch zeitbedingter harscher Leibkritik hat sich das Christentum nie zu einer philosophischen oder gar theologischen Leibfeindlichkeit durchringen können.

Dabei verstehen wir heute unter Leibfeindlichkeit freilich etwas ganz anderes als die Philosophen früherer Zeiten. Wir finden es schon leibfeindlich, wenn man im Petersdom nicht in Badebekleidung eingelassen wird.
Die philosophische Leibfeindlichkeit war dagegen radikaler: Hier war der Leib Prinzip des Bösen, Prinzip der Sünde und Quelle allen Leids. In strenger Konsequenz war eine solche Einstellung durchaus lebensbedrohlich – wenn so mancher die Freiheit darin suchte, sich zu „entleiben“.

Ich betone es noch einmal: Eine solche radikale Leibfeindlichkeit war der Kirche als Ganzer immer zuwider. Immerhin sind Jesus und Maria mit Seele und Leib in den Himmel aufgefahren (bzw. aufgenommen worden). So ganz schlecht kann der Leib also gar nicht sein!

Aber mit der Behauptung, der Mensch setze sich aus Leib und Seele zusammen, ist natürlich noch nicht viel geklärt; viel entscheidender ist, wie Leib und Seele zueinander stehen. Begrenzen sie sich gegenseitig? Gibt es ein höheres und ein niedrigeres Prinzip? Behindert ein Prinzip das andere? Auf welches kommt es letztlich an?

Monismus ist auch keine Lösung

Die Auffassung, der Mensch bestehe aus Leib und Seele, ist manchen anderen religiösen Philosophien (z.B. der Esoterik oder auch den asiatischen Religionen) ein Dorn im Auge. Wenn es zwei Prinzipien im Menschen gibt, stellt sich damit unweigerlich die Frage, welches von beiden – der Leib oder die Seele – das wichtigere ist; z.B. ob der Leib oder die Seele Träger der Individualität ist. Die katholische Antwort darauf lautet: der Mensch ist zunächst Seele und hat einen Leib.

Wir sagen eben, dass wir „einen Arm“ oder „ein Bein“ haben, und nicht dass wir ein Bein sind. Ebenso sehen wir im Haarschneiden oder Peeling nicht eine Reduzierung unseres Seins, sondern nur unseres Körper.
Kein Mensch würde nach einer Blinddarm-Entfernung das Gefühl haben, nun weniger Mensch zu sein als zuvor; und selbst bei Verlust von Extremitäten (z.b. eines Beines) fühlen wir uns nur eingeschränkt, aber nicht „weniger“.

Diese Ungleichgewichtung zwischen Leib und Seele wird manchmal als veraltet, überholt und als Quelle der Leibfeindlichkeit betrachtet. Wenn wir aber im Folgenden näher hinschauen, wird sich das Gegenteil herausstellen.

Die alltäglichen Aufgaben des Leibes

Dass der Leib in der öffentlichen Wahrnehmung der christlichen Theologie gerne übersehen wird, darf nicht verwundern. Wir haben uns ja auch persönlich so an seine Gegenwart gewöhnt, dass er uns manchmal erst auffällt, wenn er sich ausdrücklich bemerkbar macht – zum Beispiel Hunger oder Krankheit unserer Aufmerksamkeit erregen.
So ähnlich ist es auch in der katholischen Theologie und im Leben der Kirche: Immer und überall ist der Leib beteiligt, Grundlage von Entscheidungen und Vermittlung von Heil. Das wird aber kaum bewusst wahrgenommen (am allerwenigsten von den kirchenkritischen Medien); obwohl die Wirklichkeit des Leibes glasklar vor unser alle Augen liegt. Wir haben uns einfach schon zu sehr daran gewöhnt, um noch wahrzunehmen, was dort geschieht.

Der Leib als Ausdrucksmedium der Seele

In der Verhältnisbestimmung von Leib und Seele leuchtet als erstes die „Ausdrucksfunktion“ des Leibes ein. Was in der Seele eines anderen Menschen ist, bleibt solange verborgen, bis er es mit seinem Leib ausdrückt. Erst wenn ich lache oder weine, mich in Mimik oder Gestik mitteile, kommuniziere ich – und das geschieht immer, ohne Ausnahme, durch das Medium des Leibes. Selbst wenn ich körperlich nicht anwesend bin und ich mich deshalb verschiedener Kommunikationstechniken bediene – auch dann benötige ich den Leib. Briefe schreiben, Telefonieren, eMails oder Fernsehbotschaften, SMS oder Liebesschwüre in Baumrinden – immer bedarf die Seele der Leiblichkeit, um sich mitzuteilen.

Der Leib als Eingangsmedium der Seele

Auch umgekehrt vermittelt der Leib. Das, was ich einer anderen Seele mitteilen möchte, nimmt dieser Mensch nur über seine Augen, Ohren, Sinne und Wahrnehmung. Mit meinen Mitteilungen erreiche ich nicht nur den Körper meines Gegenübers, sondern eben auch seine Seele. Ohne die leibliche Wahrnehmungskraft meines Gesprächspartners ist keine Kommunikation möglich (weshalb es auch so mühsam ist, mit Onkel Jupp zu reden, wenn er sein Hörgerät nicht einschalten will).

Selbstverständlich geschieht die wahre Kommunikation zwischen den Seelen; der Leib und die damit verbundenen Hilfsmittel (wie Briefpapier oder Handy) sind nur die Medien, die Inhalte transportieren.
Das bedeutet aber auch, dass es keine rein körperliche Kommunikation gibt. Ich kann nicht einen Menschen ins Gesicht schlagen und mich damit herausreden: „Das hat doch nur dem Körper weh getan“.
Genausowenig, wie ich nicht nicht kommunizieren kann, kann ich mich als Empfänger dem Leib und seinen Wahrnehmungen verschließen. Auch wenn indianische Schamanen, indische Fakire und buddhistische Mönche sich von körperlichen Einflüssen verblüffend weit befreit haben – eine vollkommene Loslösung ist vermutlich erst im Tod möglich.
Ja, der Einfluss des Leibes auf die Seele geht sogar so weit, dass die Seele an ihren körperlichen Schmerzen zerbrechen kann (z.B. in der Folter oder in schwerer Krankheit) oder durch irreführende Kommunikation in ihrem Lebenswillen gebrochen wird (z.B. durch Mobbing, Stalking, Psychoterror – oder durch Intrigen, Feindschaft und Missverständnisse wie z.B. bei Romeo und Julia).

Das ist eine große Bedeutung für den Leib, auf den die Seele unabdingbar angewiesen ist. Wäre das allerdings die einzige Aufgabe des Leibes ist, käme das doch einer klaren „Diktatur der Seele“ gleich: Alles Entscheidende ginge von der Seele aus und komme bei ihr an, der Leib wäre nur Medium, auf Hilfsmittel angewiesen und vielleicht sogar austauschbar.

Deswegen: Schauen wir noch tiefer in das, was wir schon längst vor Augen haben.

Blaise Pascal und Paul Newman

Blaise Pascal (1623-1662) wurde einmal gefragt, wie man den Glauben erlangen könne. Er antwortete darauf überraschend: „Knie nieder, bewege deine Lippen zum Gebet, und du wirst glauben!“

Ganz ähnlich geht es im Film „Das Verdikt“ Paul Newman (1925 – 2008), der allerdings nicht den Glauben an Gott, sondern als Anwalt den Glauben an seinen Mandanten verloren hat. Nach einer guten Flasche Whiskey und ebenso viel Verzweiflung ringt er sich durch zu der Aussage: „Handle so, als hättest Du Glauben – und er wird dir gegeben werden“.

Beide Aussagen – die von Blaise Pascal und die von Paul Newman – sind überraschend. Zumindest für den, der bislang vom „Primat der Seele“ ausgegangen war. Diesem Primat zufolge ist alles, was wir tun, Ausdruck von geistigen Entschlüssen, Regungen und Einsichten. Eine Handlung, die nicht im Einklang mit dem Geiste steht, ist demnach „nicht authentisch“, ja, so gut wie „gelogen“. Die Menschen versuchen zu entdecken, was in ihrem Geiste ist, und danach ihre Handlungen auszurichten.

So gesehen ist die Aufforderung von Blaise Pascal eine glatte Anstiftung zur Heuchelei: Beten, obwohl man nicht glaubt; knien, obwohl man nicht demütig ist – das ist Betrug!

„Das ist Betrug!“ ist allerdings ein Urteil, das voraussetzt, dass Seele und Leib nur auf eine Art kommunizieren: Die Seele ist der Sender, der Leib der Empfänger. Und hier – so wage ich zu behaupten – liegt die wahre Diskriminierung des Leibes.

Die Rehabilitierung des Leibes

Denn offensichtlich ist der Leib nicht nur Ausdruck der Seele, sondern viel mehr. Das lehrt uns nicht nur Blaise Pascal, das durchzieht unseren Alltag von vorne bis hinten. Und vor allem: Das ist nichts Neues! Offensichtlich aber etwas, das so unbemerkt immer mitgedacht und mitgesagt wurde, dass wir die Aufmerksamkeit für das Bedeutungsvolle des leiblichen Tuns verloren haben.

Am ehesten wird uns dieser Zusammenhang noch in der Sünde vorgehalten. „Wer (leiblich) sündigt, der verunreinigt sein Herz“ ist eine alte Regel, weshalb zur Reinhaltung des Geistes der Verzicht auf alle möglichen Sünden ganz oben auf der christlichen to-do-Liste stand. Wer sündigt, obwohl er doch an sich gar kein schlechter Mensch ist, wird irgendwann zu einem solchen.

Wer sich zur rücksichtslosen Rede hinreißen lässt, wird auch rücksichtslos werden; wer einmal Drogen genommen hat, wird die Versuchung zur Wiederholung immer stärker spüren; wer Tiere quält, wird auch vor Brutalität Menschen gegenüber nicht zurückschrecken – usw.
Nicht immer und bei jedem gibt es die gleichen Zusammenhänge; aber es ist grundsätzlich sonnenklar, dass das körperliche Sündigen einen schlechten Einfluss auf die Seele des Menschen hat.

Wenn das korrekt ist, dann gilt auch der umgekehrte Zusammenhang: Wenn ich Gutes tue – auch dann, wenn ich gar nicht voll und ganz dahinter stehe – veredele ich meine Seele. Wenn ich mich auf die Seite der Ärmsten stelle und deshalb auf Luxus verzichte und Geld einspare, obwohl ich mich ihnen gar nicht zugehörig fühle, werde ich auch zunehmend solidarisch denken. Wenn ich die Wahrheit sage, obwohl ich am liebsten lügen würde, werde ich immer mehr zum ehrlichen Mensch.

Wie gesagt: Das mag zunächst nach einer Allerwelts-Wahrheit klingen. Aber in der Konsequenz bedeutet das, dass das höchste Ziel des menschlichen Handelns nicht die Selbstverwirklichung ist, sondern die Selbstwerdung.

Selbstverwirklichung bedeutet nämlich, dass ich schon ein fertiges und eindeutiges Selbst habe – und dieses nur noch durch mein Handeln in die Wirklichkeit transportiere. Der Mensch aber ist in der Lage, durch sein körperliches Handeln zu etwas zu werden, was er im Moment noch gar nicht ist. Erst in dem Augenblick, in dem er es tut, wird der Mensch zu dem, was er werden kann, soll und hoffentlich immer mehr will.

Beispiele kann ich ohne Ende bringen. Da ist die Angestellte, die ihrem Chef immer schon die Meinung sagen wollte – immerhin leidet die ganze Belegschaft unter ihm. Sie träumt davon, wie heldenhaft sie dem Chef die Missstände aufzeigt und wie selbstlos sie sich für die Kollegen einsetzt. Aber erst, wenn sie tatsächlich den Mund aufmacht, wird das, was nur pure Absicht ist – reines Wunschdenken – leere Fantasie – sie tatsächlich zur selbstlosen Kollegin machen.

Oder der Schüler, der genau weiß, dass der Mitschüler zu Unrecht diffamiert wird. Das Wissen und das Mitgefühl allein bedeuten wenig; aber in dem Augenblick, in dem er Partei ergreift, wird er zum aufrechten Anwalt.

Oder der Nachbar, der mitbekommt, dass im Haus nebenan ein Hund misshandelt wird; oder derjenige, der immer schon im Herzen für Naturschutz ist; oder der Reiche, der sich bislang noch von keinem Cent trennen konnte…

…oder eben derjenige, der sich nach einer lebendigen Gottesbeziehung sehnt, und der sich nun überwindet, die Knie beugt (natürlich ganz heimlich) und beginnt, ein Gebet zu sprechen.

Praktische Anwendungen

„In dem Augenblick, in dem er es tut…“ – Das ist der große Auftritt des Leibes!

  • „In Gedanken mag ich schon lange ein Held sein, aber was nutzt es, wenn ich im entscheidenden Augenblick doch wieder fliehe.“
  • „In Gedanken bin ich eigentlich ein guter Mensch, aber ich habe keine Gelegenheit es zu zeigen.“
  • „Im Grunde meines Herzens bin ich schon religiös, aber zum Beten komme ich einfach nicht…“

Das ist der die Stunde des Leibes! Wer sich nun ändern will, fängt am besten mit einer einfachen, kleinen Tat an. Einfach mal die Wahrheit sagen, einfach mal stehen bleiben und nicht wegschauen und nicht wegrennen, einfach mal die Knie beugen.

„Handle so, als hättest Du Glauben, und er wird Dir gegeben werden!“ Das gilt nicht nur für den Glauben – auch für die Liebe, für Freundschaft, für die Hoffnung, für Selbstbewusstsein und Mut.

Viele Ehen zerbrechen, indem ein Partner erklärt, er könne die Ehe nicht mehr fortführen, da er keine Liebe mehr verspüre. Was rät Paul Newman? Handle so, als hättest Du Liebe – und sie wird wieder wachsen! Zugegeben: Meistens fehlt bei einer zerbrechenden Ehe mehr, als nur der gute Wille. Aber ohne diesen geht gar nichts mehr!
Der gute Wille kommt erst im leiblichen Tun zu sich selbst; erst im leiblichen Tun wird der gute Wille des Menschen realisiert.

Versuch es einfach mal: Lass Deinen Körper zur Kirche gehen, auch wenn Deine Seele nach durchzechter Nacht noch im Bett bleibt. Irgendwann wird sie wach – und dann kommt sie schon nach. Wo sollte sie auch sonst hin?

Versuch es einfach mal: Lass Deinen Körper die Knie beugen, Kreuze küssen und Rosenkranz beten, auch wenn Deine Seele damit noch gar nichts anzufangen weiß. Irgendwann wird Deine Seele erkennen, was da mit ihr geschieht – und dann kann sie immer noch erklären, dass sie mit diesem gefundenen Glück nichts zu tun haben will.

Versuch es einfach mal mit dem Abenteuerlichen: Bete vor dem Essen bei McDonalds (wenn nicht dort – wo sollte es sonst notwendiger sein?), bekreuzige Dich in der S-Bahn, mache eine Verneigung, wenn Du an einer Kirche vorbeikommst. Zugegeben: Das ist schon abenteuerlich. Aber manche Seelen brauchen die Herausforderung durch ihren Leib.

Der Leib als Siegel der Absicht

Der Leib verändert meine Seele, indem ich reine Absichten im wahrsten Sinne des Wortes „verwirkliche“. Was zuvor nur nebulöse Intention war, wird durch meinen Leib zur Tatsache. Dass dazu der Leib wirklich notwendig ist, erkennt derjenige, der zur körperlichen Untätigkeit verurteilt ist: Er kann das, was er sich vorgenommen hat, nicht umsetzen. Sei es aus körperlicher Beeinträchtigung, Behinderung, Krankheit, Freiheitsentzug oder mangelnden Gelegenheiten.

Wir brauchen den Leib zur Realisierung; und wir bestärken uns zudem durch das, was wir tun. Wer Mutiges tut, wird mutiger werden. Wer sich im Fleiß übt, wird eifriger. Wer seine zaghafte Liebe in sichtbare Liebesbeweise umsetzt, wird auch in seiner Liebe sicherer. Wir wissen dann, was wir wirklich wollen – und werden durch unser Tun zunehmend zu dem, der wir sein wollen.
Aber der Leib kann noch mehr. Er besiegelt zum Beispiel das, was zuvor noch unentschieden war. Viele Menschen halten sich möglichst lange alle Wege und alle Möglichkeiten offen. Erst in dem Augenblick, in dem ich (bildlich gesprochen) den Fuß auf einen der vielen Wege lenke, wird dieser Weg zu meinem Weg. Entscheidungen treffen wir viel häufiger, als wir glauben, nicht mit dem Kopf, sondern mit den Händen.

„Ich habe die Hölle im Menschen gesehen“
Unter dieser Schlagzeile berichtete in der „Welt online“ ein Augenzeuge von der großen Tsunami-Flutwelle in Japan 2011. Die Menschen einer Kleinstadt sahen die alles vernichtende Wasserwand auf ihre Häuser zukommen – und sie wussten, was sie tun mussten. Das einzige hohe und standsichere Gebäude war die achtstöckige Schule. Sie war das Ziel der Bewohner, die in Panik dorthin eilten. Im Treppenhaus der Schule spielten sich dramatische Szenen ab: Junge, kräftige Menschen stießen erschöpfte Senioren aus dem Weg, um auf das rettende Dach zu kommen. Aber – und das ließ die Schlagzeile nicht vermuten – es gab auch diejenigen, die den kraftlosen Menschen am Fuße des Treppenhauses zu Hilfe kamen, anstatt sich selbst zu retten – und dabei ertranken.

Die Frage: „Was würde ich dann tun?“ kann ich im Grunde nicht beantworten. Denn in einer solchen Situation bin ich nicht das, was ich mir irgendwie als Ideal überlege. In einer solchen Situation bin ich reine Reaktion – vorherbestimmter Wille. Menschen, die sich immer als wohlwollend und freundlich erlebten, werden plötzlich zum rücksichtslosen Egomanen (und leiden manchmal ein Leben lang darunter). Damit überraschen sie wahrscheinlich sich selbst ebenso wie die, die bislang eine gute Meinung von ihnen hatten.
Aber das heißt nicht, dass ich nur noch willenloser Reflex bin – reiner Überlebenstrieb -, denn es gibt genügend Heldentaten einfachster Menschen, denen umgekehrt niemand, vielleicht noch nicht einmal sie selbst, eine solch heldenhafte Selbstlosigkeit zugetraut haben.

Wie schaffe ich es, dass ich auch in einer solchen Situation so handle, wie ich auch jetzt bin? – Nun: Durch ein permanentes Tun. Wie beim Klavierspielen oder Fahrradfahren muss ich solange etwas tun und einüben, bis ich es nicht mehr bewusst zu steuern brauche (wer beim Fahrradfahren ständig denkt „jetzt das linke Pedal – jetzt das rechte Pedal“ wird nicht weit kommen). Ganz richtig sagen wir, dass uns etwas in Fleisch und Blut übergegangen ist. Erst durch unseren Körper können wir zu verlässlichen und tiefgründigen Menschen werden.

Vielleicht – das ist jetzt aber ein gewagter Gedanke – werden wir irgendwann vor Gott stehen so wie die Menschen beim Tsunami unten an der Treppe der Schule. Alles, was wir uns nur ausgemalt haben, was nur bloßer (schuldhaft unverwirklichter) Gedanke war, fällt dann nicht mehr ins Gewicht. Was bleibt, ist unser Sein, unser Glaube. Das Sein und der Glaube, die uns aufgrund der Werke in Fleisch, Blut und Seele übergegangen sind.

Der Leib ist Sprache – Sprache schafft Beziehung

Viele Schüler lernen im Deutschunterricht das „Vier-Seiten-Modell“ von Friedemann Schulz von Thun. Dieses Kommunikationsmodell beruht auf der Annahme, dass Nachrichten nicht nur einen abgegrenzten Inhalt übermitteln, sondern sowohl vom Sender als auch vom Empfänger nach den „vier Seiten“ Sachinhalt, Selbstoffenbarung, Beziehung und Appell interpretiert werden. Es geht also bei jeder Sprache um mehr als nur um Information – es geht zum Beispiel auch um Beziehung.
All dies ist ein leibliches Geschehen. Der Leib produziert nicht nur eine „gesprochene Sprache“, sondern ist in seiner Gestik, seiner Mimik und im Tonfall des Gesagten im umfassenden Sinne Ausdruck dessen, was in der Seele ist.

Natürlich ist nicht nur das gesprochene oder geschriebene Wort Kommunikation, sondern auch jede Geste – und auch jede Zärtlichkeit. Aber darüberhinaus ist auch jede Handlung eine Kommunikation: So ist bereits meine bloße Anwesenheit z.B. bei einer Feierlichkeit Ausdruck, Mitteilung und Beziehung; ebenso das Fernbleiben bei einem Ereignis, bei dem ich erwartet wurde.

Der Leib ist Sprache. Er kann gar nicht anders, als zu kommunizieren, allerdings nur, so lange er vom Geist des Menschen geführt wird (wer schläft kommuniziert nicht).

Das wird besonders eindrücklich deutlich, wenn der Leib sich der Kontrolle durch den Willen entzieht – entweder durch psychische Störungen, in denen der Mensch nicht mehr Herr seiner selbst ist, oder durch physische Störungen, durch die der Leib nicht mehr fähig ist, der Seele Ausdruck zu verleihen.
Aber selbst bei großen Behinderungen wie z.B. einer fast vollständigen Lähmung ermöglicht schon die geringste Kontrolle der Seele, sich umfassend auszudrücken – dank der Sprache. Ich empfehle dazu die Lektüre des Buches „Schmetterling und Taucherglocke“ (das auch verfilmt wurde): Der 43-jährige Redakteur Jean-Dominique Bauby erleidet am 8. Dezember 1995 einen Schlaganfall und fällt in ein Koma. Als er nach 20 Tagen erwacht, ist er am ganzen Körper gelähmt und kann nur noch das linke Augenlid bewegen, ist jedoch geistig ohne Einschränkungen und bekommt alles um sich herum mit.
Die Logopädin Henriette Durand erarbeitet mit ihm jedoch eine Kommunikationsmöglichkeit, indem sie ihm Buchstaben vorliest; sobald der richtige Buchstabe genannt ist, zwinkert er mit dem Auge. Auf diese Weise verfasst Bauby das Buch „Schmetterling und Taucherglocke“: Bauby begreift, dass er geistig aktiv und frei ist wie ein Schmetterling – in einem Körper, der wie eine Taucherglocke wirkt. Jean-Dominique Bauby stirbt am 9. März 1997, 10 Tage nach Erscheinen seines Buches.

Das Kommunikationsmodell von Schulz von Thun beleuchtet aber nur den Prozess der Kommunikation zwischen Sender und Empfänger – und übergeht das, was im Sender dabei vorgeht. Denn in dem Augenblick, in dem der „Sender“ beschließt, die Kommunikation z.B. als „Selbstoffenbarung“ zu nutzen, entscheidet er sich auch für eine bestimmte Version seiner selbst, die er offenbart! Und zwar auf allen vier Ebenen, die Schulz von Thun beschreibt; durch Mitteilung von Sachinhalt, Selbstoffenbarung, Beziehung und Appell wird auch der Sender verändert: Er verändert sich und das Beziehungsgefüge, in dem er lebt.
So ist – auf der Beziehungsebene – das Aussprechen einer Liebeserklärung nicht etwa Ausdruck dessen, was zuvor unzweideutig im „Sender“ vorhanden war, sondern die Verwirklichung einer von eventuell mehreren vorhanden Intentionen. (So könnte der „Sender“ noch schwankend gewesen sein, lieber zu schweigen – oder zu verschwinden – oder das Handtuch zu werfen – oder eine andere Person zu bevorzugen – oder lieber für immer Single zu bleiben – oder eben die Liebe zu gestehen.)

Auch das hat eine sehr beeindruckende filmische Umsetzung erfahren. Im Film „Matrix“ gelangt die Hauptperson – Thomas A. Anderson, genannt Neo – in das Zimmer des Programmierers, in dem ihm Stück für Stück eine ziemlich unbequeme Wahrheit präsentiert wird. Im Hintergrund zeigen Hunderte von Bildschirmen, wie Neo auf die Aussagen des Programmierers reagieren könnte: resignierend, schimpfend, panisch, verzweifelt. Aber nur ein Bildschirm wird auf Leinwandgröße herangezoomt und wird zur tatsächlichen Reaktion des Thomas A. Anderson.

Wer kommuniziert, erschafft somit Wirklichkeit! Zum einen in sich selbst, weil der „Sender“ verwirklicht, was zuvor nur Intention war. Zum anderen, weil eine Beziehung nur dann entsteht, wenn sie auch ausgedrückt – kommuniziert – wird.

Der Leib als Medium der Seele ermöglicht, was die Voraussetzung für Sprache ist: Nämlich Beziehung, so wie wir sie kennen.

Fazit

Die katholische Welt ist allumfassend: Sie umschließt sowohl die verinnerlichte Gottesbeziehung als auch das handfeste, körperliche Tun. Zwar gilt es, beides immer in eine Balance zu bringen – aber ein Gebet ist deshalb nicht schlechter, wenn es vor allem mit Händen und Füßen verrichtet wird. Gott liebt uns – mit Leib und Seele.

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